Volkstheater Varianta zu Gast bei zibb (28.01.2015)

Kritik 2016/17

     

Presse 2015/16

Spandauer Volksblatt

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Reise-Travel

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Presse der Spielzeit 2014/15

Berliner Morgenpost vom 26. 11. 2014

Berliner Morgenpost

Die Theaterleitung

26.11.14 KULTURMACHER

Wie zwei Schauspieler ein Berliner Volkstheater retteten

Sonya Martin und Heinz Klever waren Schauspieler am Spandauer Volkstheater Varianta. Dann übernahmen sie die Bühne und brachten sie mühevoll wieder auf Erfolgskurs.

Von Ulrike Borowczyk

Allein aufgrund seiner Lage ist das Spandauer Volkstheater Varianta eines der ungewöhnlichsten Privattheater Berlins: Direkt an der zentralen Einkaufsmeile in Spandaus Altstadt residiert die Bühne seit 1976 in der zweiten Etage des Kant-Gymnasiums. Erinnerungen an Pennälertage sind also immer inklusive bei Besuchen im Theater Varianta, das im kommenden Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert.
Lange Zeit schien es so, als würde die Bühne das Jubiläum nicht mehr erleben. Mit dem Rücktritt von Prinzipal Wolfgang Nusche 2006 fehlte dem Haus eine Leitung. Wie es der Zufall wollte, inszenierte Günter Rüdiger, heute Chef des Zimmertheaters Steglitz, dort 2009 eine Komödie und holte die Schauspielerin Sonya Martin ans Haus. Die erinnert sich mit gemischten Gefühlen an ihren Einstand in Spandau: "Die Rolle war schön, aber das Stück so platt, dass Zuschauer rausgegangen sind."
Ihr Mann Heinz Klever wird da deutlicher: "Es war Schmiere. Der Laden war am Ende. Dabei lief er in den Achtzigern noch wie verrückt." Zeiten, von denen das Ehepaar einerseits träumt. Andererseits leidet das Theater Varianta immer noch unter dem Ruf aus jenen Tagen, ein Laientheater zu sein. Das ist es aber nicht mehr. Heute sind nur noch Profis am Werk, auf und hinter der Bühne.
Im Jahr 2010 haben Sonya Martin und Heinz Klever das Haus nach und nach übernommen. Seit 2012 leiten sie es offiziell. Sie sind eigentlich rein zufällig dazu gekommen. 2009 gab es niemanden mehr, der Stücke fürs Varianta schrieb. Doch gerade für ein Berliner, pardon: Spandauer Volkstheater braucht man spezielle Stücke. Sonya Martin drängte ihren Mann dazu, sich etwas Passendes auszudenken. Der war und ist schließlich nicht nur Schauspieler, sondern auch ein versierter Autor.

Vom Autor zum Theaterleiter

"Damals hieß es, entweder der Laden macht zu oder es muss ein neues Stück her. Was blieb uns also anderes übrig?", kommentiert Klever heute lakonisch seinen Einstieg als Theaterleiter. Er ersann die Komödie "Liebe, Zoff und Sauerteig". Ein Glücksfall, denn damit konnte das seit Jahren schwindende Publikum langsam zurückerobert werden. "Es war endlich wieder Leben im Theater", so Heinz Klever. Dennoch: "Es lief eigentlich zu schlecht um weiterzumachen, aber wiederum auch zu gut, um aufzuhören." Da er und seine Frau Theatermenschen aus Leidenschaft sind, haben sie die Herausforderung namens Varianta angenommen.
Bevor die beiden nach Spandau kamen, hatten sie schon eine lange Bühnen-Laufbahn hinter sich. Sonya Martin, 1950 in Stuttgart geboren, stand bereits als Teenager auf der Bühne und hatte kurz nach dem Abitur ihr erstes Engagement in Heilbronn. Heinz Klever, Jahrgang 1955, aus dem niederrheinischen Mönchengladbach, hat als Schlagzeuger in Düsseldorf angefangen. Er war unter anderem mit Helge Schneider auf der Bühne, bevor es ihn zum Theater zog, wo er Sonya Martin begegnete.
Im Jahr 2000 kam das Paar mit Sohn Vincent nach Berlin. Zu sehr hatten die Engagements an Stadt- und Landestheatern sie gelangweilt. "Wir sind zu kreativ dafür", so Sonya Martin.
Die beiden haben immer schon an eigenen Stücken und Performances gearbeitet, wurden aber lange Jahre mit ihrer Arbeit ausgebremst. Doch in Berlin war es anfangs auch nicht leicht für sie. "Wir sind ins kalte Wasser gesprungen. Furchtbar. Es war ein Leben am Existenzminimum", sagt Sonya Martin.
Doch dann bekam Heinz Klever ein Engagement an der Leipziger Pfeffermühle. Immer schon Kabarettist mit Leib und Seele, fühlt er sich dort bis heute wohl. Mittlerweile schreibt er für viele ostdeutsche Kabaretts und die Satirezeitschrift "Eulenspiegel". Eine Weile lang wohnte die ganze Familie in Leipzig. Doch Sonya Martin und Sohn Vincent wollten zurück nach Berlin.
Der zweite Anlauf in der Hauptstadt gelang wohl auch deshalb, weil das Ehepaar im Spandauer Volkstheater eine künstlerische Heimstatt gefunden hat. Mit neuem Konzept spielt sich die kleine Bühne seither immer mehr ins Gesamtberliner Bewusstsein. "Wir haben einen guten Stil für unser Volkstheater gefunden. Unsere Stücke sind moderner und schärfer geworden und haben ernste Zwischentöne. Außerdem gibt es einen Bezug zur Berliner Geschichte", sagt Heinz Klever über den Neuanfang im Varianta. "Wir haben nicht alles über den Haufen geworfen, was bislang hier gemacht wurde, sondern daran angeschlossen und neue Horizonte eröffnet."

Auch Kabarett im Programm

Das weiß das Publikum zu schätzen. "Wenn die Zuschauer rausgehen, sind sie beseelt und glücklich", so Heinz Klever. Mit jeder neuen Spielzeit hat das Haus mehr Fans. Diesen frischen Geist im Varianta spürt man auch bei der aktuellen Inszenierung "Berlin 1914. Weihnachten sind wir alle wieder zu Hause", ein Volksstück mit Biss. Längst steht natürlich auch politisches Kabarett von und mit Heinz Klever auf dem Programm. Sein nächstes Solo "Liederliche Texte" feiert am 19. Dezember Premiere.
Für den Erfolg des Theaters opfern Sonya Martin und Heinz Klever fast all ihre Zeit. Das Haus ist zwar politisch gewollt und deshalb für die beiden ein "glücklicher Ort", doch sind die Produktionsbedingungen mühselig. Einer von beiden muss stets zusätzlich ein festes Engagement haben. Die Wohnung am Charlottenburger Kaiserdamm ist eher bloße Schlafstätte.
Richtig zu Hause fühlt sich das Ehepaar ohnehin nur in seinem kleinen Häuschen in Tiefwerder. In den Havel-Auen Spandaus kommen beide zur Ruhe. Dort leben sie, wann immer möglich, und genießen die Natur. Ihre nächsten Nachbarn sind Wasserbüffel.

 

BühnenCheck im November 2014

Spandauer Volksblatt vom 20. 10. 2014

Christian Schindler    20. Oktober 2014

 

Berlin und Spandau 1914
Kriegsthema tiefgründig und humorvoll dargestellt

Mit der Uraufführung von "Berlin 1914 - Weihnachten sind wir alle wieder zu Hause" liefert das Spandauer Volkstheater Varianta einen ganz speziellen Beitrag zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg - mit viel Humor und Gemüt.
Elfriede Fuchs möchte man(n) lieber aus dem Weg gehen. Diverse Gatten hat sie überlebt, die angeblich auf dem offenbar kurzen Weg von Ehebett zur Räucherkammer ihren Geist aufgaben. Sicher ist, dass regelmäßig Wildschweine aus dem Spandauer Forst diese Kammer bevölkern. Gleich zu Beginn schiebt Elfriede Fuchs einen Bollerwagen auf die Bühne, darauf ein gerade mit der Flinte erlegtes Wild. Die Fuchsen ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, sich und ihren Sohn, dem amtlich Schwachsinn bescheinigt wurde, durchzubringen.
Sonya Martin gibt Frau Fuchs nicht nur Züge von Mutter Courage und Mutter Wolffen, sie verleiht ihr mit dem Text von Autor, Regisseur und Theaterleiter Heinz Klever eine ganz eigene Note - die einer einfachen Frau, deren Resolutheit sich auch mit ihrer Frömmigkeit messen kann. Sie ahnt, dass sich im Jahr der Handlung 1914 ein Unglück zusammenbraut, und sie fleht nicht nur einmal Gott an, dies nicht zu zulassen. Als sie den Nachbarn Scharnagel (Alexander Haugg), einen kaisertreuen Vertreter für "Kulturgüter", womit Nachttöpfe und ähnliches gemeint sind, als Denunzianten ihrer Wilderei in ihre Räucherkammer lockt, sticht sie nicht mit dem schon gezückten Messer zu - für Scharnagel bedeutet das trotzdem keine gute Wende. Vor Schreck meldet er sich zum Militärdienst, ist künftig einäugig und einarmig Symbol der Schrecken des Krieges.
Der kommt dann in einer ganz anderen Szene sehr eindrücklich vor. Es ist das berühmte Weihnachten 1914, als deutsche und englische Soldaten ihre Schützengraben verlassen und gemeinsam die Heilige Nacht feiern. Im Stück misst sich dabei Elfriedes Fuchs‘ Sohn, gegen den Willen der Mutter und anstelle seines bestens Freundes an die Front gegangen, mit einem britischen Soldaten beim Schachspiel. Sein Vorschlag: Wer gewinnt, gewinnt auch den Krieg. Das gefällt allen, doch der erfolgreiche deutsche Schachspieler landet im Gefängnis: Das Morden beenden zu wollen, ist eben im Krieg Hochverrat.
Volker Waldschmidt gibt diesen Stotterer mit großem Herz und Schachbegabung, und er ist die Entdeckung des Abends. Er überzeugt mit seinen Minderwertigkeitsgefühlen und seiner Verzweiflung, aber auch mit dem von der Mutter geerbten praktischen Lebenssinn, mit dem er mit einem "gefallenen Mädchen" und seinem besten Freund eine Dreiecksbeziehung beginnt.
So spielt Heinz Klever alle Themen der Zeit an, vom Elend der Menschen (Elfriede Fuchs’ zweiter Nachbar ist Arzt und SPD-Mitglied, der Frauen bei Abtreibungen hilft, dessen Frau die Familienkasse mit eher unzüchtigen Arbeiten auffüllt), vom Auseinanderbrechen der Sozialdemokratie, die den Kriegskrediten für den Kaiser zustimmte, und gar der Aussicht, dass mit dem Ende des Krieges der Schrecken noch lange nicht vorbei ist.
Varianta hat ein schweres Thema mit Leichtigkeit aufbereitet, und der Besucher geht beschwingt.